Marktvolumen der Eisenbahnindustrie wächst weltweit

Der weltweite Markt für Eisenbahnzulieferer hat 2015 ein Rekordvolumen von fast 160 Milliarden Euro erreicht. Und er wächst weiter, trotz regionaler Unterschiede: In den kommenden Jahren wird das weltweite Marktvolumen im Schnitt um 2,6 Prozent pro Jahr zunehmen und 2021 rund 185 Milliarden Euro erreichen. Zu diesem Ergebnis kommt die “6. UNIFE World Rail Market Study”, die Roland Berger im Auftrag des Verbands der Europäischen Eisenbahnindustrien UNIFE durchgeführt hat. Die größten Wachstumsraten erwarten die Experten im Bereich des Nahverkehrs, während der Bedarf in absoluten Zahlen nach wie vor im Regional- und Fernverkehr am höchsten ist.

“Die Attraktivität der Bahn als zuverlässiges und effizientes Transportmittel nimmt stetig zu”, sagt Philippe Citroën, Generaldirektor der UNIFE. “Megatrends wie das Bevölkerungswachstum und die weltweit zunehmende Verstädterung sorgen gerade im urbanen Bereich für eine höhere Nachfrage. Zudem nimmt die Bedeutung des Schienenverkehrs weiter zu, weil er eine wichtige Rolle zur Erreichung der 2015 beim UN-Klimagipfel in Paris vereinbarten Ziele spielt. Auch die Digitalisierung und das veränderte Mobilitätsverhalten der Kunden haben einen merklichen Effekt.” Neue Eisenbahntechnologien wie fahrerlose Züge sorgen zudem für mehr Sicherheit, Kapazität und Zuverlässigkeit. Dadurch werden schienengebundene Fahrzeuge im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln noch attraktiver und wettbewerbsfähiger.

Auch die Politik trägt zum Wachstum der Branche bei: “Maßnahmen wie das 4. Eisenbahnpaket der EU fördern die Marktliberalisierung sowie die Harmonisierung des europäischen Eisenbahnsystems und seine Anpassung an die sich wandelnden Transportbedürfnisse”, sagt Andreas Schwilling, Partner von Roland Berger. “All das hilft, die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Eisenbahnzulieferer weiter zu steigern und ihre führende Position auf dem Weltmarkt auszubauen.”

Verkaufsrekorde bei Lokomotiven und Waggons

Seit 2013 ist der weltweite Markt für Eisenbahnzulieferer im Schnitt pro Jahr um drei Prozent gewachsen und hat 2015 das Rekordvolumen von 159 Milliarden Euro erreicht. Den Hauptanteil am Wachstum hatte die Region Asia Pacific. Bei den Produktsegmenten stechen vor allem die Bereiche “rollendes Material” und Services heraus: “Zusammen stehen diese für 72 Prozent des gesamten Marktvolumens im Zeitraum 2013 bis 2015”, sagt Schwilling. “Vor allem die Anbieter von Schienenfahrzeugen haben von rekordverdächtigen Verkaufszahlen bei Lokomotiven und Güterwaggons profitiert; dazu kamen zahlreiche Großaufträge in anderen Bereichen wie Metros, Straßenbahnen, Regionalzügen und Hochgeschwindigkeitszügen.” Entsprechend verzeichnete dieses Marktsegment mit 5,8 Prozent die höchste Wachstumsrate, gefolgt vom Bereich Signaltechnik mit 4,9 Prozent. Außerdem spielen Systeme wie ERTMS (European Rail Traffic Management System) und CBTC (Communication-Based Train Control) eine herausragende Rolle im Markt für Eisenbahnsignaltechnik.

Auch die Schieneninfrastruktur ist zwischen 2013 und 2015 um 2 Prozent jährlich gewachsen: 26.000 Kilometer neue Strecken wurden weltweit gebaut, vor allem in den Bereichen Stadt- und Hochgeschwindigkeitsverkehr. Dadurch erweiterte sich das weltweite Eisenbahnnetz auf insgesamt mehr als 1,6 Millionen Kilometer. “Der größte Anteil der neuen Strecken liegt in der Region Asia Pacific”, so Citroën. “Neben Indien hat in den vergangenen zwei Jahren vor allem China viel in seine Eisenbahninfrastruktur investiert und alleine 6.200 Kilometer neue Hochgeschwindigkeitsstrecken gebaut.” Doch nicht nur den Neubau von Strecken sieht Roland Berger-Partner Schwilling als lohnendes Feld für die Eisenbahnzulieferer: “Insgesamt sind erst rund 40 Prozent aller Eisenbahnstrecken weltweit elektrifiziert, vor allem in Westeuropa und in Asia Pacific. In der Nachrüstung bestehender Infrastruktur liegt also noch ein beträchtliches Marktpotenzial.”

Asia Pacific, “Rollendes Material” und Services auch zukünftig Wachstumstreiber

Auch in den kommenden fünf Jahren prognostizieren die Experten ein weiteres Wachstum des weltweiten Markts für Eisenbahnzulieferer: Sie erwarten bis 2021 im Schnitt ein jährliches Plus von 2,6 Prozent und damit einen Anstieg des Marktvolumens auf rund 185 Milliarden Euro. Beim Wachstum liegt Westeuropa mit 3,1 Prozent ganz vorne, knapp vor der Region Afrika/Middle East mit 3 Prozent. Asia Pacific wächst mit 2,6 Prozent durchschnittlich; Schlusslicht ist die Region Russland/GUS mit 0,9 Prozent.

Wegen ihrer Größe werden erneut die Segmente “rollendes Material” und Services Haupttreiber des Wachstums sein: Ihr Anteil am absoluten Marktwachstum wird rund 68 Prozent betragen. Beim “rollenden Material” erwarten die Experten ein Plus von 1,9 Prozent pro Jahr, wobei eine stärkere Nachfrage aus dem Bereich des Schienennahverkehrs den Rückgang bei Lokomotiven und Fernzug-Waggons kompensiert. Die Bereiche Services und Steuerungssysteme werden mit jeweils 2,9 Prozent pro Jahr wachsen, bei Infrastruktur erwarten die Studienautoren 2,8 Prozent.

Neue Herausforderungen: Digitalisierung, Finanzierung, Marktzugang

“Insgesamt ist der Ausblick für die Eisenbahnzulieferindustrie positiv”, so Philippe Citroën, Generaldirektor der UNIFE. “Das Marktvolumen hat einen Rekordwert erreicht und wird weiter wachsen, denn der Schienenverkehr ist und bleibt ein attraktiver und wichtiger Bestandteil der Mobilität. Allerdings kommen auch wichtige Herausforderungen auf die Branche zu, etwa durch die zunehmende Digitalisierung, den Zwang, passende Finanzierungen für Eisenbahnprojekte sicherzustellen oder den erschwerten Zugang zu einigen Märkten. Während Anbieter aus Übersee in europäischen Ländern frei agieren können, sind manche asiatische Märkte für europäische Unternehmen kaum oder überhaupt nicht zugänglich.” Über alle Branchensegmente hat die Zugänglichkeit der weltweiten Märkte im Beobachtungszeitraum 2013 bis 2015 auf 63 Prozent abgenommen. Zwei Jahre vorher waren es noch 68 Prozent. Citroën: “Hier ist auch die Politik gefordert, durch Handels- und Wettbewerbsvereinbarungen faire Rahmenbedingungen zu schaffen.”

Doch die Digitalisierung bringt auch neue Chancen für die Eisenbahnzulieferindustrie: Sie schafft neue Möglichkeiten, verschiedene Verkehrsmittel miteinander zu verknüpfen. “Damit können Eisenbahnbetreiber und -zulieferer dem Kunden wirklich eine Haus-zu-Haus-Mobilität aus einer Hand anbieten”, sagt Andreas Schwilling. “Die Eisenbahnindustrie hat schon mehrfach bewiesen, dass sie innovativ sein und moderne Lösungen entwickeln kann. Allerdings sollte sie schnell handeln, denn auch branchenfremde Akteure drängen mit ihrem Angebot in den Markt.”

Leave a Reply